Familie Benning im Interview: Ein Gespräch über Herdenschutzhunde, Natur und die Liebe zu Tieren
Sie besitzen fast 700 Schafe und Ziegen und insgesamt 20 Herdenschutzhunde, die bei verschiedenen Herden eingesetzt werden. Kein Wunder also, dass Familie Benning von der Schäferei Wümmeniederung in der Lüneburger Heide als Deutschlands Experten in Sachen Herdenschutz gelten. Und dennoch sind Holger und Nicole Benning frei von jeglichen Dogmen. Seit 20 Jahren existiert die Schäferei – und in dieser Zeit haben die Bennings vieles von der Natur und ihren Tieren gelernt. Warum das Thema Herdenschutzhunde hierzulande so heiß diskutiert wird, erzählte uns Familie Benning bei unserem Besuch im Interview.

Die Schäferei ist ein Zwei-Personen-Betrieb: Vollzeit-Schäfer Holger Benning wird nur von seiner Frau Nicole unterstützt (neben ihrem eigenen Vollzeit-Job als Angestellte)

Welche Rassen eignen sich Ihrer Meinung nach am besten für den Herdenschutz?
Ich würde es nicht zwingend an den Rassen fest machen, sondern eher an Zuchtlinien und Herkunft. Es gibt mittlerweile zu viele deutsche Zuchtlinien, die zu sehr auf Kuschelhund, Statussymbol, oder Aussehen selektiert sind und deren ursprüngliche Eigenschaften dadurch drohen, verloren zu gehen. Mental starke Hunde, die keine Fragen stellen und nicht diskutieren, sondern sich klar positionieren und sofort bei einem Beutegreiferangriff dazwischen gehen, sind die besonders geeigneten Herdenschutzhunde.
Welche Aufgaben erfüllen die Herdenschutzhunde?
Sie bewachen die Schaf- und Ziegenherden. Sie sind unsere Bodyguards. Ganz im Gegensatz zum Hütehund, der ist der Platzanweiser.
 
Wie lange können die Hunde tätig sein? 
Bis ins Rentenalter. Diese Hunde brauchen immer eine Aufgabe, sonst wird ihnen langweilig. Wenn es gesundheitlich möglich ist, können sie ihren Job solange machen, bis sie an Altersschwäche sterben.
Wie verbringen die Hunde den Winter? 
Die Hunde sind mit der Herde immer draußen unterwegs. Lediglich in der Lammzeit im März/April sind alle im Stall, bzw. die Hunde können sich auf dem 6,5ha großen Stallgelände frei bewegen und auch jederzeit zu den Schafen in die Boxen hinein.
Inwiefern ist es möglich, einen Hund aus dem Tierheim an die Herde zu gewöhnen?
Das ist eine Aufgabe für Profis. Sie geht aber nach eigenen Erfahrungen zu 80% schief.

 

Da die Nachfrage nach Herdenschutzhunden groß ist, züchten die Bennings auch selbst: Die Hunde gehen an Nutztierhalter in ganz Deutschland, auch schon mal ins benachbarte Österreich. Resonanz? Bisher durchweg positiv. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Bennings keine überteuerten Preise für die Hunde aufrufen. Ihnen reicht es, wenn der Verkaufspreis die Futter- und Tierarztkosten abdeckt. Die Kosten für Hundefutter indes gehen allerdings ins Geld: Für 2017 rechnet Holger Benning mit über 7 Tonnen Futter für seine 20 Hunde.
 
Basierend auf Ihren Erfahrungen und Ihrer Vision: Was ist die Herausforderung, wenn es um Landwirtschaft in Gebieten mit Wolfsvorkommnissen geht? 

Die Landwirtschaft selbst ist die Herausforderung. Da spielt der Wolf nur eine untergeordnete Rolle. Wer gewillt ist, seine Herden nach seinen Möglichkeiten bestmöglich zu schützen, wird relativ wenig Probleme haben – zumindest wenn ein konsequentes Wolfsmanagement durchgeführt und der Herdenschutz finanziell zum großen Teil unterstützt wird.

Die wirklichen Probleme liegen in fehlgeleiteter Agrarpolitik, Kontrollwahn und Sanktionierungen besonders in der Biotop-Pflege durch die Landwirtschaftskammer, die existenziell in ihren Strafen sind. Wenn jeder Flächeneigentümer unsere Dienstleistung angemessen bezahlen würde und wir für unsere hochwertigen regionalen Lebensmittel angemessene Preise erzielen würden, hätten wir nicht Jahr für Jahr existentielle Sorgen und etwas Planungssicherheit.
Der Wolf ist nur der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt und ein greifbares Feindbild!
 
Erzählen Sie uns gern mehr über die Rolle der Herdenschutzhunde, über Vorteile und Nachteile ihres Einsatzes! 
Spannend zu sehen ist z.B. der Sozialisierungswille des Hundes, sich als Teil der Herde einzufügen und wie sensibel auf die Reaktion der Herde auf sich eingegangen wird. Ebenfalls die Intelligenz dieser Hunde, z.B. bei eingespielten Teams im Verteidigungsfall die Aufgabenverteilung und das unterschiedliche Arbeitsverhalten in Kombination mit einem bedingungslosen Schutzverhalten. Wirkliche Nachteile liegen eigentlich nur in den Unterhaltungskosten, jenseits von 1.000€ pro Hund und Jahr, sowie den erheblich hohen Arbeitsaufwand, besonders in den ersten zwei Lebensjahren. 
 
Viele Menschen sind der Ansicht, dass der Einsatz von Herdenschutzhunden gefährlich ist. Können Sie – als Besitzer vieler dieser Hunde – etwas dazu sagen?
Zuerst einmal, es ist ein Hund, und zwar ein großer, mit entsprechenden Fähigkeiten. Allerdings gehört Beißen nicht zu den Mitteln der Wahl. Diese Hunde beeindrucken durch ihre Positionierung, rempeln im V-Fall die Bedrohung an. Rassebedingt tendieren einige Rassen auch zum Anrempeln. Lediglich gegenüber Caniden haben einige Herdenschutzhund-Rassen eine außergewöhnlich hohe Abneigung.
Das Problem sind i.d.R. nicht die Hunde, sondern Mitmenschen die nicht in der Lage sind, die Hunde zu “lesen”, vielleicht gewisse Verhaltensregeln einzuhalten oder Grenzen zu akzeptieren. Die meisten Argumente gegen Herdenschutzhunde kommen allerdings aus der Ecke der Nutztier- und sonstiger Interessenverbände mit dem Vorwand, dass diese Hunde alle gefährlich seien und der Freizeitbürger als Geldquelle nicht eingeschränkt werden darf. Der gewöhnliche Freizeitbürger geht erstaunlich entspannt und oftmals interessiert und fasziniert damit um.
Bei den Nutztierhaltern, die keinerlei Erfahrungen mit diesen Hunden haben, aber fleißig verbreiten, wie ungeeignet sie seien, mangelt es oft an der Ehrlichkeit zuzugeben, dass sie einfach nur keinen Bock darauf haben, weil es Arbeit macht und Geld kostet.
 
 
Welche Auswirkungen haben Training und Aktivitäten zur Verstärkung der Bindung auf das Verhalten der Herdenschutzhunde?
Ein gut sozialisierter Hund, der auch auf Menschen geprägt ist, ist nicht nur im Alltag viel leichter händelbar, als einer, der mit möglichst wenig bis gar keinem Menschenkontakt lebt. Der Vorteil solcher Hunde ist, dass sie bei, für den Arbeitseinsatz ungeeignetem Verhalten, trotzdem gut in eine andere Haltungsform wechseln können. Sei es als normaler Hofhund, oder auch mit Familienanschluss und genügend Freiheiten, auch ihrem Territorialverhalten freien Lauf lassen zu können.
Sind Sie schon mal einem Wolf begegnet?
Ja, 6x.
 
Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?  
Den Umgang mit den Tieren, deren Ehrlichkeit, Dankbarkeit und ihr Vertrauen. Die Abwechslung mit immer neuen Herausforderungen in der Natur und die Selbständigkeit.
Welche Tipps würden Sie Landwirten geben, die Ihrem Beispiel folgen wollen?
Immer locker durch die Hose atmen… Man kann sich noch so vielfältige Horroszenarien ausmalen, von denen vermutlich nicht ein einziges eintreten wird, wenn der Hund halbwegs gut ausgebildet und sozialisiert ist. Hilfe an geeigneter Stelle einholen und Ratschläge annehmen. 30 Jahre Erfahrung mit Hütehunden bedeutet nicht zwingend einen Selbstgänger mit Herdenschutzhunden. Wichtig sind ganz viel Sensibilität, Geduld, eigene Überzeugung und Humor!
Mehr Infos zur Arbeit der Familie Benning gibt es auf ihrer Homepage oder via “Verein für arbeitende Herdenschutzhunde in Deutschland
Einen berührenden Artikel über die Arbeit von Biobauern inmitten der Wildnis Frankreichs liest du hier.